Seit der Legalisierung von Cannabis ist das Thema auch im betrieblichen Alltag angekommen – oft verbunden mit Unsicherheiten. Im Interview wird eingeordnet, welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten, welche Risiken für Sicherheit und Gesundheit bestehen und welche konkreten Handlungsmöglichkeiten Sie haben, um verantwortungsvoll und präventiv mit dem Thema umzugehen.
Im Interview mit Nicolas Grundmann, Freiberuflicher Psychologe (M. Sc. Psychologie)
Seit der Legalisierung von Cannabis ist das Thema auch in den Betrieben angekommen. Was hat sich dadurch verändert?
Nicolas Grundmann: Die Legalisierung hat vor allem die Wahrnehmung verändert. Cannabis ist kein Tabu mehr, der Konsum wird gesellschaftlich normaler. Das führt in vielen Betrieben aber zu Unsicherheit: Was ist privat erlaubt, was ist am Arbeitsplatz verboten? Wichtig ist zu verstehen: Legal heißt nicht unbedenklich. Denn selbst Stunden nach dem Konsum kann die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit eingeschränkt sein – ein Risiko, besonders in sicherheitsrelevanten Bereichen.
Welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten für Beschäftigte und Arbeitgeber
Nicolas Grundmann: Privat dürfen Beschäftigte konsumieren, solange sie dadurch nicht gegen ihre Arbeitsschutzpflichten verstoßen. Nach § 15 ArbSchG und § 15 der DGUV-Vorschrift 1 darf niemand arbeiten, wenn er sich oder andere gefährdet. Der Arbeitgeber wiederum ist verpflichtet, sichere Arbeitsbedingungen zu gewährleisten (§ 618 BGB, § 3 ArbSchG). Pauschale Drogentests sind unzulässig, möglich sind aber Regelungen bei konkretem Verdacht oder in sicherheitskritischen Tätigkeiten – am besten in Form einer Betriebsvereinbarung, die Prävention, Aufklärung und Verfahren bei Auffälligkeiten regelt.
Worin liegt der Unterschied zu Alkohol?
Nicolas Grundmann: Alkohol am Arbeitsplatz ist ein altes Thema mit eingespielten Regeln. Bei Cannabis fehlen noch Grenzwerte und Erfahrungswerte. Ein THC Nachweis beweist nur Konsum, nicht aktuelle Beeinträchtigung. Genau das macht klare und sachliche Kommunikation so wichtig. Betriebe müssen eigene Verfahren entwickeln, wie sie verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen – ohne Stigmatisierung, aber mit klaren Grenzen.
Risiken bestehen für Sicherheit und Gesundheit?
Nicolas Grundmann: Unter Einfluss von Cannabis sinken Reaktionsvermögen, Urteilsfähigkeit und Aufmerksamkeit. Das kann zu Fehlern oder Unfällen führen – nicht nur an Maschinen. Gleichzeitig darf man die Ursachen nicht ausblenden: Stress, Überlastung oder Konflikte können den Konsum fördern. Eine gute psychische Gefährdungsbeurteilung und eine offene Präventionskultur sind deshalb die beste Suchtprävention.
Was können Betriebsräte konkret tun?
Nicolas Grundmann: Sie haben starke Mitbestimmungsrechte – etwa bei Ordnung, Kontrolle und Arbeitsschutz (§ 87 Abs. 1 Nr. 1, 6, 7 BetrVG). Wichtig ist, das Thema aktiv und lösungsorientiert aufzugreifen: durch Betriebsvereinbarungen zur Suchtprävention, Schulungen, Gesprächsleitfäden und abgestufte Verfahren bei Auffälligkeiten. Das stärkt sowohl Sicherheit als auch Vertrauen im Betrieb.
Was lernen die Teilnehmenden in Ihrem Seminar – und warum ist das für ihre Arbeit wichtig?
Nicolas Grundmann: Das Seminar "Cannabis im Betrieb – Risiken, Rechte, Prävention" vermittelt rechtliche Sicherheit und praktisches Handlungswissen. Teilnehmende lernen, wie sie Cannabis-Konsum im Betrieb rechtlich einordnen, Auffälligkeiten ansprechen und Regelungen gestalten können. Sie trainieren Gesprächsführung, Frühintervention und den Aufbau klarer, nicht-stigmatisierender Präventionskonzepte. Wichtig ist: Betriebs- und Personalräte sowie SBVen werden befähigt, Sicherheit, Gesundheit und Eigenverantwortung in Einklang zu bringen – und in ihren Betrieben eine Kultur zu fördern, die offen, menschlich und rechtssicher mit dem Thema umgeht.
Passende Veranstaltungen zum Thema
Cannabis im Betrieb – Risiken, Rechte, Prävention
Neue Herausforderungen für Betriebsrat, Personalrat und SBV
- Sie wissen, welche rechtlichen Regelungen nach der teilweisen Legalisierung von Cannabis im Betrieb gelten
- Sie kennen die Unterschiede zwischen Freizeitkonsum, medizinischer Anwendung und suchtbedingtem Verhalten
- Sie kennen praxisgerechte Vorgehensweisen bei auffälligem Verhalten sowie Gesprächsstrategien im Umgang mit Betroffenen.
aas Netzwerktreffen – Cannabis im Betrieb: Rechtliche Rahmenbedingungen und praktische Handlungsmöglichkeiten