Im BGM (Betrieblichen Gesundheitsmanagement) gibt es immer wieder Themen, die stiefmütterlich bis gar nicht behandelt werden. Dazu gehört auch die Krankheit „Adipositas“. Von fehlendem Wissen über Tabuisierung bis hin zu Schwierigkeiten in der Ansprache - Gründe für das außer Acht lassen bestimmter Herausforderungen gibt es viele. Arbeitgeber fühlen sich hier in der Regel nicht zuständig, Übergewicht wird gerne als „Privatsache“ unter den Tisch gekehrt. Adipositas stellt jedoch inzwischen ein wachsendes Gesundheitsproblem dar, das nicht nur wirtschaftliche Folgen hat, sondern auch erhebliche Auswirkungen auf Arbeitsfähigkeit, Fehlzeiten und Wohlbefinden. Eine Broschüre von REHADAT befasst sich mit dieser Problematik und informiert unter anderem über praktische Lösungen und unterstützende Maßnahmen für die Arbeitsorganisation, um die berufliche Teilhabe von Adipositas-Betroffenen zu verbessern und deren Arbeitsplätze zu erhalten.
Arbeitszeit
Die flexible Gestaltung der Arbeits- und Pausenzeiten ist für Adipositas-Betroffene wichtig. Die Möglichkeit, die Arbeit an die individuellen Bedürfnisse anzupassen, kann helfen, stressige Situationen zu vermeiden und die Vereinbarkeit von Arbeit und Gesundheit zu verbessern. Flexible Arbeitszeiten ermöglichen es, Arbeit in Zeiten geringerer Gesundheitsbeschwerden zu erledigen oder ärztliche Termine wahrzunehmen.
Arbeitsstunden
(Befristete) Änderungen bei den zu leistenden Arbeitsstunden, zum Beispiel der Wechsel zu einer Teilzeitbeschäftigung (kürzere Arbeitstage oder einzelne arbeitsfreie Tage in der Woche) können sinnvoll sein, um die Belastung insgesamt zu reduzieren. Nachteil: Die damit verbundenen finanziellen Einbußen können ebenfalls eine Belastung darstellen.
Schichtarbeit
In bestimmten Branchen, wie beispielsweise im Gesundheitswesen oder in der Produktion, kann Schichtbetrieb eine zusätzliche Belastung darstellen. Insbesondere, wenn dieser wenig Flexibilität zulässt. Hier kann es hilfreich sein, Beschäftigte mit Adipositas vorübergehend vom Schichtdienst zu befreien. Gibt es keine Alternative zum Schichtdienst, sollten sie die Möglichkeit haben, Schichten zu wählen, die möglichst gut zur individuellen tageszeitlichen Gesundheitsverfassung passen.
Arbeitsort
Homeoffice oder mobiles Arbeiten können von großem Vorteil sein. Diese Arbeitsformen ermöglichen eine eigenständige Organisation der Aufgaben und Arbeitsumgebung. Zuhause ist es mitunter auch einfacher, sich gesünder zu ernähren, beziehungsweise, mehr Zeit zu finden, um sich gesunde Mahlzeiten zuzubereiten. Der Wegfall des Arbeitswegs reduziert die damit häufig verbundene Belastung, sodass die individuellen Ressourcen spezifischer für die eigentlichen Tätigkeiten eingesetzt werden können. Wenn mobiles Arbeiten nicht möglich ist, sollten Adipositas-Betroffene den Arbeitsweg flexibel dann zurücklegen können, wenn das individuelle Befinden es besser zulässt oder beispielsweise zu Zeiten, in denen der ÖPNV weniger überfüllt ist.
Arbeitsmuster
Änderungen im Arbeitsmuster können hilfreich sein, beispielsweise die Möglichkeit, vorübergehend langsamer zu arbeiten, verbunden mit regelmäßigen oder zusätzlichen Pausen. Dies betrifft insbesondere physisch belastende und zeitlich intensiv getaktete Tätigkeiten wie beispielswiese im Pflegedienst oder bei der Postzustellung.
Aufgaben
Denkbar ist auch die Anpassung von bestehenden Aufgaben oder die Zuteilung neuer Aufgaben. Auch ein kompletter Wechsel des Arbeitsbereiches kann in Betracht gezogen werden. Die zugeteilten Tätigkeiten sollten mit den individuellen Bedürfnissen und Symptomen vereinbar sein und zum Beispiel Arbeitspausen oder eine zeitweise Unterbrechung ermöglichen. Eine Unterteilung von Aufgaben in einzelne Arbeitspakete kann ebenfalls sinnvoll sein.
Arbeitspensum
Eine weitere Möglichkeit ist, Beschäftigten mit Adipositas weniger Aufgaben als üblich innerhalb einer bestimmten Frist zuzuteilen, das heißt, arbeitgeberseitig mehr Zeit zur Erledigung der üblichen Aufgaben einzuräumen und keine knappen Fristen zu setzen.
Unterstützung
Arbeitgeberseitige Hilfsangebote, beispielsweise eine feste Ansprechperson, an die sich betroffene Beschäftigte wenden können, oder auch ein Jobcoaching am Arbeitsplatz können hilfreich sein.
Freistellung für Arzttermine
Gelten im Unternehmen Gleitzeitvereinbarungen, die dazu verpflichten, ärztliche Termine außerhalb der Kernarbeitszeit zu tätigen, kann es Beschäftigten mit Adipositas helfen, davon ausgenommen zu sein.
Dienstreisen
Lange Reisen oder häufige Reisetätigkeiten können bei Adipositas-Betroffenen Stress und eine Verschlechterung der gesundheitlichen Beschwerden verursachen. Hier könnten alternative Lösungen, wie Videokonferenzen oder regionale Treffen, in Betracht gezogen werden, um die Auswirkungen auf die Gesundheit zu minimieren.
Außendienst
Tätigkeiten mit regelmäßigen Autofahrten und Kundenbesuchen sollten so geplant werden, dass Ruhepausen möglich sind. Insbesondere lange Autofahrten sollten mit zeitlichem Puffer und/oder in Etappen geplant werden.
Ruhiger Arbeitsplatz
Je nach den individuellen Bedürfnissen und Präferenzen sollte die Art des Arbeitsplatzes angepasst werden. Einzelarbeitsplätze können für Beschäftigte mit Adipositas von Vorteil sein, um bei Bedarf Pausen oder Ruhezeiten einzulegen.
Möglichkeiten für Körperhygiene
Bei physisch anstrengenden Tätigkeiten, die zu verstärktem Schwitzen führen, bieten Sanitärräume mit den Möglichkeiten, sich während oder nach der Arbeit zu duschen, Erleichterung.
Umschulung
In einigen Fällen kann eine Umschulung oder berufliche Neuorientierung in Betracht gezogen werden, wenn die Arbeitsanforderungen nicht (mehr) mit den gesundheitlichen Bedürfnissen einer Person vereinbar sind. Die Umschulung kann es ermöglichen, einen Beruf auszuüben, der besser mit den individuellen Einschränkungen und Anforderungen im Zusammenhang mit der Krankheit vereinbar ist. Bei kognitiven Beeinträchtigungen und/oder stark verminderter Belastbarkeit ist jedoch auch zu beachten, dass die Umschulung den Fähigkeiten angepasst sein sollte und sich beispielsweise flexibel über einen längeren Zeitraum erstreckt.
Verständnis statt Vorurteile
Die REHADAT betont ausdrücklich, dass es ausschließlich mit organisatorischen Maßnahmen nicht getan ist. In diesem Kontext spielen ebenso soziale Aspekte im beruflichen Umfeld eine bedeutende Rolle. Insbesondere Verständnis, Offenheit, Kommunikation auf Augenhöhe und angemessener Umgang mit schwankender Leistungsfähigkeit tragen entscheidend zu einem unterstützenden Arbeitsumfeld für-Betroffene bei. Nicht Adipositas sollte ein Tabu sein, Diskriminierung und Mobbing jedoch schon!
Quelle: REHADAT-WISSEN; Ausgabe 15, Ein (ge)wichtiges Thema, Wie sich die berufliche Teilhabe von Menschen mit Adipositas gestalten lässt, 2024
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Ines Heinsius ist seit mehr als 20 Jahren im Bereich Fort- und Weiterbildung für Betriebsräte tätig. Neben der Konzeption und Entwicklung von Seminaren und Kongressen gehören sowohl die Kundenberatung zu Seminarinhalten und Schulungsanspruch als auch die Recherche und das Texten von redaktionellen Beiträgen zu den Schwerpunkten ihrer Tätigkeit. Ines Heinsius schreibt außerdem als freie Autorin regelmäßig Artikel für eine Fachzeitschrift für Betriebsräte.
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