Der Betriebsrat ist ein Kollegialorgan. Das bedeutet, dass er seinen Willen grundsätzlich durch Beschlüsse des gesamten Gremiums bildet (§ 33 BetrVG). Der Betriebsratsvorsitzende entscheidet daher nicht selbst über Maßnahmen des Betriebsrats. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, die vom Gremium gefassten Beschlüsse nach außen umzusetzen und organisatorisch durchzuführen.

Diese Aufgabe ergibt sich aus § 26 Abs. 2 BetrVG. Danach vertritt der Betriebsratsvorsitzende den Betriebsrat im Rahmen der gefassten Beschlüsse. In der Praxis bedeutet das: Der Betriebsrat entscheidet – der Vorsitzende sorgt dafür, dass diese Entscheidung praktisch umgesetzt wird.

Was bedeutet „Umsetzung von Beschlüssen“?

Unter der Umsetzung eines Beschlusses versteht man alle Schritte, die notwendig sind, um die Entscheidung des Betriebsrats in der Praxis wirksam werden zu lassen. Der Vorsitzende sorgt also dafür, dass der Beschluss nicht nur auf dem Papier steht, sondern tatsächlich umgesetzt wird.

Dabei kann es sich um sehr unterschiedliche Tätigkeiten handeln, zum Beispiel:

  • Weiterleitung von Beschlüssen an den Arbeitgeber
  • Formulierung von Schreiben im Namen des Betriebsrats
  • Organisation von Gesprächen oder Verhandlungen
  • Beauftragung von Sachverständigen oder Rechtsanwälten
  • Einleitung eines arbeitsgerichtlichen Verfahrens

Wichtig ist dabei: Der Vorsitzende handelt nicht auf eigene Initiative, sondern immer innerhalb des Rahmens des zuvor gefassten Beschlusses.

Beispiele aus der Praxis

Beispiel 1: Stellungnahme zu einer Kündigungsanhörung

Der Arbeitgeber hört den Betriebsrat nach § 102 BetrVG zu einer beabsichtigten Kündigung an. Der Betriebsrat berät den Fall in der Sitzung und beschließt:

„Der Betriebsrat widerspricht der beabsichtigten Kündigung gemäß § 102 Abs. 3 BetrVG.“

Die Umsetzung dieses Beschlusses erfolgt anschließend durch den Betriebsratsvorsitzenden. Er formuliert das Schreiben an den Arbeitgeber und übermittelt die Stellungnahme fristgerecht.

Die Entscheidung selbst hat jedoch das Gremium getroffen. Der Vorsitzende sorgt lediglich für die praktische Umsetzung.

Beispiel 2: Zustimmung oder Ablehnung einer Einstellung

Der Arbeitgeber beantragt nach § 99 BetrVG die Zustimmung zu einer Einstellung. Der Betriebsrat beschließt:

„Der Betriebsrat verweigert die Zustimmung zur Einstellung von Frau … als … gemäß § 99 Abs. 2 Nr. … BetrVG.“

Der Vorsitzende setzt diesen Beschluss um, indem er dem Arbeitgeber die Zustimmungsverweigerung mitteilt und die entsprechenden Gründe darlegt.

Beispiel 3: Beauftragung eines Rechtsanwalts

Der Betriebsrat beschließt:

„Der Betriebsrat beauftragt Rechtsanwalt … mit der Vertretung im Beschlussverfahren vor dem Arbeitsgericht …“

Die Umsetzung dieses Beschlusses besteht darin, dass der Vorsitzende den Rechtsanwalt kontaktiert, ihm den Auftrag erteilt und die notwendigen Unterlagen übermittelt.

Beispiel 4: Einladung zu Verhandlungen mit dem Arbeitgeber

Der Betriebsrat beschließt, mit dem Arbeitgeber über eine Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit zu verhandeln.

Die Umsetzung erfolgt durch den Vorsitzenden, indem er:

  • einen Gesprächstermin mit dem Arbeitgeber vereinbart,
  • die Themen vorbereitet,
  • gegebenenfalls eine Verhandlungsgruppe organisiert.

Seminarempfehlungen für neue Betriebsratsvorsitzende und Stellvertreter

Die Aufgaben des Betriebsratsvorsitzenden und des Stellvertreters – Teil 1

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Basiswissen für Betriebsratsvorsitzende und Stellvertreter


  • Aufgaben des Betriebsratsvorsitzenden und Stellvertreters
  • Die Rolle des Vorsitzenden bei der Betriebsratssitzung
  • Wirksame Beschlussfassung vorbereiten und durchführen
Die Aufgaben des Betriebsratsvorsitzenden und des Stellvertreters – Teil 2

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Aufbauwissen für Betriebsratsvorsitzende und Stellvertreter


  • Datenschutz und Umgang mit sensiblen Informationen im Betriebsratsbüro
  • Organisation der Betriebsratsarbeit durch den Betriebsratsvorsitzenden
  • Möglichkeiten, um mit den Arbeitnehmern in Kontakt zu kommen

Umsetzung bedeutet nicht eigene Entscheidungsbefugnis

Ein wichtiger Grundsatz lautet: Der Betriebsratsvorsitzende setzt Beschlüsse um, er ersetzt aber nicht den Betriebsrat.

Er darf deshalb keine Entscheidungen treffen, die über den Beschluss hinausgehen. Wenn beispielsweise neue Aspekte auftreten oder sich die Situation wesentlich verändert, muss das Gremium erneut entscheiden.

Beispiel

Der Betriebsrat beschließt, einer Einstellung zuzustimmen. Nach der Sitzung stellt sich heraus, dass wesentliche Informationen gefehlt haben. In diesem Fall kann der Vorsitzende die Entscheidung nicht eigenständig ändern. Es muss eine neue Betriebsratssitzung stattfinden.

Spielraum bei der Formulierung von Erklärungen

Der Vorsitzende hat allerdings einen gewissen Handlungsspielraum bei der praktischen Umsetzung. Er muss den Beschluss nicht Wort für Wort wiedergeben, sondern kann Erklärungen im Namen des Betriebsrats innerhalb des Beschlussrahmens formulieren.

So kann der Betriebsrat zum Beispiel beschließen:

„Der Betriebsrat widerspricht der Kündigung.“

Der Vorsitzende darf anschließend das entsprechende Schreiben an den Arbeitgeber formulieren und die Begründung ausarbeiten.

Die Rechtsprechung erkennt diesen Handlungsspielraum an, solange der Vorsitzende sich im Rahmen des Beschlusses bewegt.

Organisation der Umsetzung im Betriebsrat

In der Praxis ist es sinnvoll, die Umsetzung von Beschlüssen strukturiert zu organisieren. Häufig werden dazu folgende Instrumente genutzt:

  • Beschlussliste oder Maßnahmenliste, in der festgehalten wird, welche Beschlüsse umgesetzt werden müssen
  • Fristenkontrolle, insbesondere bei Beteiligungsverfahren
  • Verantwortlichkeiten, etwa wenn bestimmte Aufgaben an einzelne Betriebsratsmitglieder delegiert werden

Der Vorsitzende behält dabei den Überblick über den Stand der Umsetzung.

Jörg Reiniger
Jörg Reiniger
Experte für strategische Gremienarbeit | Seminarentwickler | Spezialist für Mitbestimmung & Organisationsentwicklung

Jörg Reiniger ist Experte für die strategische und rechtssichere Weiterentwicklung von Betriebsrats-, Personalrats- und SBV-Arbeit. Seit vielen Jahren konzipiert und entwickelt er Seminar- und Kongressformate für Arbeitnehmervertretungen und begleitet Gremien bei der professionellen Organisation ihrer Arbeit. Seine besondere Stärke liegt in der Verbindung von juristischer Präzision, praxisnaher Umsetzbarkeit und struktureller Organisationsentwicklung. Er denkt Gremienarbeit nicht nur rechtlich, sondern strategisch – von der Beschlussfassung bis zur nachhaltigen Ausrichtung der Amtszeit.

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