Der Umgang mit Beschwerden gehört zu den wichtigen Aufgaben des Betriebsrats. Beschwerden geben Hinweise auf konkrete Probleme im Betrieb, auf individuelle Belastungen oder auf ungerechte Behandlungen. Sie sind deshalb nicht bloß Einzelfälle, sondern oft auch ein Frühwarnsystem für strukturelle Missstände. Ein guter Umgang mit Beschwerden hilft dem Betriebsrat, die Interessen der Beschäftigten wirksam zu vertreten und Konflikte möglichst frühzeitig aufzugreifen.

Beschwerden ernst nehmen

Wenn sich Beschäftigte an den Betriebsrat wenden, erwarten sie vor allem, dass ihr Anliegen ernst genommen wird. Häufig geht es nicht nur um die rechtliche Einordnung eines Problems, sondern zunächst um das Bedürfnis, gehört zu werden. Der erste Schritt im Umgang mit Beschwerden besteht daher darin, dem betroffenen Arbeitnehmer aufmerksam zuzuhören, den Sachverhalt zu klären und die Beschwerde inhaltlich einzuordnen.

Beschwerden können sehr unterschiedliche Gegenstände haben. Typische Fälle sind etwa:

  • ungerechte Behandlung durch Vorgesetzte
  • Arbeitsüberlastung
  • Konflikte mit Kollegen
  • nicht eingehaltene Arbeitsschutzmaßnahmen
  • Benachteiligungen
  • ungerechtfertigte Abmahnungen
  • Probleme bei Arbeitszeit, Urlaub oder Vergütung

Wichtig ist, dass die Beschwerde den Arbeitnehmer selbst betrifft. Allgemeine Unzufriedenheit mit Zuständen im Betrieb reicht für das Beschwerderecht nach §§ 84, 85 BetrVG nicht aus.

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Aufbauwissen für Betriebsratsvorsitzende und Stellvertreter


  • Datenschutz und Umgang mit sensiblen Informationen im Betriebsratsbüro
  • Organisation der Betriebsratsarbeit durch den Betriebsratsvorsitzenden
  • Möglichkeiten, um mit den Arbeitnehmern in Kontakt zu kommen

Beschwerderecht nach § 84 BetrVG

Jeder Arbeitnehmer hat das Recht, sich bei den zuständigen Stellen des Betriebs zu beschweren, wenn er sich vom Arbeitgeber, von Vorgesetzten oder von anderen Arbeitnehmern benachteiligt, ungerecht behandelt oder in sonstiger Weise beeinträchtigt fühlt (§ 84 BetrVG). Dieses Recht besteht unabhängig davon, ob die Beschwerde sich später als berechtigt oder unberechtigt herausstellt.

Der Arbeitgeber muss die Beschwerde prüfen, den Arbeitnehmer über die Behandlung informieren und ihr abhelfen, soweit er sie für berechtigt hält. Wegen der Erhebung einer Beschwerde dürfen dem Arbeitnehmer keine Nachteile entstehen. Dieses Benachteiligungsverbot ist für die Praxis besonders wichtig, weil viele Beschäftigte befürchten, dass eine Beschwerde negative Folgen für sie haben könnte.

Rolle des Betriebsrats nach § 85 BetrVG

Neben dem individuellen Beschwerdeverfahren beim Arbeitgeber kann sich der Arbeitnehmer auch an den Betriebsrat wenden (§ 85 BetrVG). Der Betriebsrat hat die Beschwerde entgegenzunehmen und sich mit ihr zu befassen. Er muss durch Beschluss entscheiden, ob er die Beschwerde für berechtigt hält.

Damit wird aus dem individuellen Anliegen des Arbeitnehmers ein betriebsverfassungsrechtlich relevantes Verfahren. Der Betriebsrat übernimmt die Beschwerde aber nicht automatisch. Er muss sie zunächst prüfen und bewerten.

Prüfung der Beschwerde im Gremium

Der Betriebsrat sollte Beschwerden nicht informell „nebenbei“ behandeln, sondern geordnet und nachvollziehbar. Dazu gehört:

  • den Sachverhalt aufnehmen und konkretisieren,
  • klären, worin genau die Beeinträchtigung liegt,
  • prüfen, ob es sich um eine individuelle Beschwerde im Sinne der §§ 84, 85 BetrVG handelt,
  • die Angelegenheit im Gremium beraten
  • und durch Beschluss entscheiden, ob die Beschwerde für berechtigt gehalten wird.

Hält der Betriebsrat die Beschwerde für unberechtigt, muss er dies dem Beschwerdeführer mitteilen und begründen. Hält er sie für berechtigt, muss er beim Arbeitgeber auf Abhilfe hinwirken.

Auf Abhilfe hinwirken

Sieht der Betriebsrat die Beschwerde als berechtigt an, endet seine Aufgabe nicht mit dem Beschluss. Er muss dann gegenüber dem Arbeitgeber aktiv werden. Ziel ist es, eine Abhilfe zu erreichen, also die beanstandete Benachteiligung oder Beeinträchtigung zu beseitigen.

Dabei sollte der Betriebsrat den Beschwerdeführer auch über den Stand und das Ergebnis der Gespräche mit dem Arbeitgeber informieren. Ein transparenter Umgang ist wichtig, damit Beschäftigte erleben, dass ihre Anliegen nicht im Gremium „versanden“.

Grenzen des Beschwerdeverfahrens

Der Umgang mit Beschwerden verlangt auch eine sorgfältige rechtliche Abgrenzung. Nicht jede Beschwerde kann bis zur Einigungsstelle geführt werden. Nach § 85 Abs. 2 BetrVG kann der Betriebsrat bei Meinungsverschiedenheiten mit dem Arbeitgeber zwar grundsätzlich die Einigungsstelle anrufen. Das gilt aber nicht, wenn Gegenstand der Beschwerde ein Rechtsanspruch ist.

Das ist in der Praxis besonders wichtig. Geht es etwa um:

  • die Entfernung einer Abmahnung,
  • die Gewährung von Urlaub,
  • Lohnansprüche,
  • die Wirksamkeit einer Kündigung
    oder andere individualrechtliche Ansprüche,

dann gehört die Sache grundsätzlich vor die Arbeitsgerichte und nicht in die Einigungsstelle. Die Rechtsprechung legt diesen Ausschluss streng aus. Auch bei justiziablen Angelegenheiten, die auf den ersten Blick als ungerechte Behandlung erscheinen, scheidet die Einigungsstelle aus, wenn der Kern der Beschwerde ein Rechtsanspruch ist.

Der Betriebsrat muss daher genau prüfen, ob es um eine tatsächliche Beeinträchtigung geht, bei der noch ein Regelungs- oder Abhilfespielraum besteht, oder ob im Kern ein individualrechtlicher Anspruch verfolgt wird.

Beschwerden strukturiert bearbeiten

Für die Praxis ist es sinnvoll, ein klares internes Verfahren für den Umgang mit Beschwerden zu entwickeln. Dazu kann gehören:

  • feste Ansprechpartner im Gremium,
  • vertrauliche Erstgespräche,
  • dokumentierte Sachverhaltsaufnahme,
  • Beratung und Beschlussfassung im Betriebsrat,
  • Rückmeldung an den Beschwerdeführer,
  • Nachverfolgung der Abhilfe.

Eine solche Struktur schafft Verlässlichkeit und verhindert, dass Beschwerden zufällig oder uneinheitlich behandelt werden.

Vertraulichkeit und Vertrauen

Beschwerden betreffen oft sensible persönliche oder betriebliche Themen. Deshalb ist Vertraulichkeit besonders wichtig. Beschäftigte müssen darauf vertrauen können, dass mit ihren Informationen verantwortungsvoll umgegangen wird. Zugleich muss der Betriebsrat klären, in welchem Umfang Informationen für die Beratung im Gremium weitergegeben werden dürfen oder eine Schweigepflichtentbindung erforderlich ist.

Gerade bei persönlichen Konflikten, Benachteiligungen oder gesundheitlichen Belastungen entscheidet der sorgfältige Umgang mit vertraulichen Informationen häufig darüber, ob sich Beschäftigte überhaupt an den Betriebsrat wenden.

Beschwerden als Hinweis auf strukturelle Probleme

Auch wenn das Beschwerderecht auf individuelle Beeinträchtigungen zugeschnitten ist, sollte der Betriebsrat Beschwerden nicht nur als Einzelfälle betrachten. Häufen sich bestimmte Anliegen, kann dies auf tieferliegende betriebliche Probleme hinweisen. Wiederkehrende Beschwerden über Überlastung, Führungsverhalten, Dienstpläne, Erreichbarkeit oder Arbeitsorganisation können Anlass sein, das Thema über den Einzelfall hinaus aufzugreifen und betriebliche Lösungen zu entwickeln.

In diesem Sinne verbindet der Umgang mit Beschwerden den individuellen Schutz einzelner Beschäftigter mit der allgemeinen Überwachungs- und Gestaltungsaufgabe des Betriebsrats.

Beschwerden und Hinweisgebersysteme unterscheiden

Wichtig ist außerdem, klassische Beschwerden nach §§ 84, 85 BetrVG von Meldungen in internen Hinweisgebersystemen zu unterscheiden. Der Betriebsrat bleibt zwar ein wichtiger Ansprechpartner für Beschäftigte, ist aber nicht ohne Weiteres selbst interne Meldestelle im Sinne des Hinweisgeberschutzrechts. Beide Verfahren verfolgen unterschiedliche Zwecke und unterliegen unterschiedlichen Regeln. Für den Betriebsrat bedeutet das: Er muss erkennen, ob ein Arbeitnehmer eine persönliche Beschwerde über eine Benachteiligung erhebt oder einen Rechtsverstoß im Rahmen eines Hinweisgebersystems melden will.

Jörg Reiniger
Jörg Reiniger
Experte für strategische Gremienarbeit | Seminarentwickler | Spezialist für Mitbestimmung & Organisationsentwicklung

Jörg Reiniger ist Experte für die strategische und rechtssichere Weiterentwicklung von Betriebsrats-, Personalrats- und SBV-Arbeit. Seit vielen Jahren konzipiert und entwickelt er Seminar- und Kongressformate für Arbeitnehmervertretungen und begleitet Gremien bei der professionellen Organisation ihrer Arbeit. Seine besondere Stärke liegt in der Verbindung von juristischer Präzision, praxisnaher Umsetzbarkeit und struktureller Organisationsentwicklung. Er denkt Gremienarbeit nicht nur rechtlich, sondern strategisch – von der Beschlussfassung bis zur nachhaltigen Ausrichtung der Amtszeit.

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